Ildefonso Falcones
Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 9783596175116
Spanien im 14. Jahrhundert: der Bauer Bernat Estanyol flieht
mit seinem kleinen Sohn Arnau vor der Gewalt des böswilligen adligen
Grundbesitzers nach Barcelona, denn Stadtluft macht frei. Nach einer
schwierigen Kindheit wird der junge Arnau Lastenträger und schleppt wie seine
Kollegen Steine für den Bau der Kirche Santa Maria del Mar. Als tüchtiger und
rechtschaffener Mann bringt er es zu einigem Ansehen in seiner Zunft. Dann
rettet er während einer Pestepidemie drei jüdische Kinder vor dem wütenden Mob
und wird zum Dank von deren wohlhabenden Vater ins Geschäft der Geldwechsler
eingeführt. Bald bringt es Arnau, der seine einfache Herkunft nie vergessen
hat, zu Reichtum und Ansehen und wird einer der einflussreichsten Bürger
Barcelonas. Als er dank seiner Geistesgegenwart die Stadt vor einer feindlichen
Flotte rettet, erhebt ihn der König sogar in den Adelsstand. Doch Arnaus Glück
ist nicht ungetrübt. Der Kampf gegen Unrecht und Willkür scheint unendlich zu
sein, seine Neider missgönnen ihm Ansehen und Wohlstand und die Inquisition
wartet nur auf Gründe, sich Arnaus Vermögen aneignen zu können...
Bei diesem Buch drängt sich der Vergleich mit den „Säulen
der Erde“ zwangsläufig auf, auch wenn er eigentlich nicht gerechtfertigt ist,
denn während bei Ken Folletts Meisterwerk sich die verschiedenen Erzählstränge
um den Bau der Kirche ranken und die Kathedrale das eigentliche Zentrum der
Geschichte ist, dient hier der Bau der Kirche nur als Hintergrundsfolie für
eine (zu) prall gefüllte Lebensgeschichte. Zudem ist der Titel irreführend,
denn Santa Maria del Mar ist gar keine Kathedrale, weil sie nie Bischofssitz
war, sondern bloß eine große Kirche. Es drängt sich also der Gedanke auf, dass hier versucht wurde, mit
einem reißerischen Titel an den Erfolg eines weltweiten Bestsellers
anzuknüpfen, was zwar den Verkaufszahlen nach halbwegs gelungen ist, aber
ansonsten nicht sonderlich schmeichelhaft ist, denn „Die Kathedrale des Meeres“
kann sich keineswegs mit den „Säulen der Erde“ messen. Ich habe mich beim Lesen immer wieder sehr über die flachen Charaktere und die schablonenartige
Schwarz-Weiß-Darstellung geärgert: alle Adligen sind eingebildet und grausam,
ebenso die Kirchenleute, die die Inquisition aus persönlicher Machtgier und zur
Bereicherung nutzen, dafür sind die Juden gelehrt und gut, und die „kleinen
Leute“ wären auch rechtschaffen und anständig, wenn sie nicht durch
unverschuldetes Unheil vom Pfad der Tugend getrieben oder durch böse
Intriganten zu Aufruhr und Lynchjustiz angestachelt würden. Irgendwann hatte
ich vor allem die Hauptfigur, die immer tugendhaft und edel ist, einfach satt!
Dabei hätte die Geschichte durchaus Potenzial gehabt, aber dazu wäre ein
differenzierterer Blick auf die damalige Gesellschaft nötig gewesen, statt
immer alles mit modernen Moralvorstellungen zu befrachten. Trotzdem konnte die
Geschichte genügend Unterhaltung bieten, dass ich knapp bis zum Ende der 600
Seiten durchgehalten habe, deswegen runde ich auf drei Sterne auf.
Ich kenne ja nur die Hörbuchvariante, aber die fand ich gar nicht mal so schlecht.
AntwortenLöschenEs stimmt andererseits schon, dass hier die üblichen Klischees bedient werden (finstere Kirche, gelehrte Juden).
Wobei mich das weniger im konkreten Fall stört, sondern es sich meiner Meinung nach grundsätzlich um das Problem eines ganzen Genres handelt. Man braucht sich hier ja beispielsweise nur die sehr erfolgreichen Mittelalterromane von Rebecca Gable ansehen: Der gute, gelehrte, tolerante Jude (der sozusagen schon vor der Aufklärung aufgeklärt ist), ist bei ihr, wie überhaupt im deutschsprachigen Mittelalterroman, längst zu einem Topos geworden. Und ich glaube man muss kein promovierter Psychologe sein, um die Ursachen dafür zu erraten.
Ähnliches bei Romanen, deren Handlung im antiken Rom angesiedelt ist. Gebildete Menschen sind dort nahezu immer Griechen, die Römer selbst taugen nur zum Kriegführen und Intrigieren.
Geschichtsklitterung über die Unterhaltungsschiene, sozusagen. So wie die meisten Kabarettisten ja auch nichts anderes als verkappte Hobbypolitiker sind.
Es stimmt schon, dass im ganzen Genre deutlich zu viele Klischees benutzt werden. Darum lese ich auch deutlich weniger historische Romane als früher. Aber zuweilen gibt es auch wirklich gute Bücher darunter, man muss sie nur finden...
LöschenHm, bisher habe ich immer überlegt, ob ich mir das Buch kaufen soll oder nicht. Aber irgendwie hat es mich nie so hundertprozentig angesprochen und nach deiner Rezension bleibe ich - glaube ich - erstmal dabei.
AntwortenLöschenIch würde die Finger davon lassen. Für einen mittelmäßigen Roman sind 600 Seiten einfach zu viel, da kann man mit seiner Zeit besseres anfangen.
LöschenDas ist ja mal gut zu wissen. Bin auch immer im um das Buch herumgeschlichen, konnte mich aber nie entscheiden, ob ich es wirklich lesen soll oder nicht. Aber es klingt wirklich nur wie ein schlechter Abklatsch von Die Säulen der Erde....
LöschenIch muss ehrlich sein, bei mir hätte es das Buch über 2 Sterne gar nicht hinausgeschafft. Ich lese sehr viel v.a. berufsbedingt und da bleibt es nun mal nicht aus, dass man den einen oder anderen "Bestseller" auch mal in die Hände bekommt. Wer gut recherchierte Lektüre haben will mit Tiefgang, sollte von diesem Buch wirklich die Hände lassen.
AntwortenLöschenHallo Julia,
AntwortenLöschenvielen Dank fürs Bescheid sagen :) Bin schon gespannt wie dir die Pilgerreise gefällt! Meine Rezi dazu geht auch bald online...
Liebe Grüße
Julia