Google+ Julias Buchblog: Martin Walker - Eskapaden

Samstag, 15. Oktober 2016

Martin Walker - Eskapaden

Eskapaden. Der achte Fall für Bruno, Chef de Police
Martin Walker
ISBN 9783257069686


Bruno, Chef de Police von Saint-Denis, fühlt sich geehrt, als er zum 90. Geburtstag seines Idols eingeladen wird. Der Kriegs- und Fliegerheld Desaix, der beste Kontakte zu französischen, russischen und israelischen Regierungskreisen unterhält, feiert mit großem Pomp und einer illustren Gästeschar auf dem Familensitz. Doch als am nächsten Morgen ein Gast und naher Freund der Familie tot aufgefunden wird, stellt sich für Bruno die Frage, ob die Vergangenheit seines Idols tatsächlich so heldenhaft war...

Ich habe zwar mal gesagt, dass ich die weiteren Bände um Bruno, Chef de Police, nicht mehr rezensieren werde, aber diesmal muss ich einfach meinem Ärger Luft machen. Dabei sind Spoiler unumgänglich, auch wenn ich versuche, sie minimal zu halten. Wer sich also den achten Bruno-Band tatsächlich antun will und sich die Spannung nicht verderben lassen möchte, sollte nicht mehr weiterlesen.

Ich bin schon länger unzufrieden damit, wie sich die Bruno-Reihe entwickelt hat. Die Schilderungen von Land und Leuten und die ausgiebigen Gelage werden irgendwann ausgelutscht und verlangsamen nur noch die Handlung. Super-Bruno kämpft mit Verve für das Gute, leistet sich selbst aber diverse Patzer, die moralisch nicht lupenrein sind. Seine Frauengeschichten nehmen immer mehr Raum ein. Und Walkers Neigung zu Geschichtsunterricht löst bei mir inzwischen einen reflexartigen Stoßseufzer aus: nicht schon wieder Résistance!

Das alles wäre aber akzeptabel, wenn wenigstens der Krimi okay wäre. Aber auch hier hat Walker diesmal unentschuldbar geschludert: Der Tote ist offenbar im Schlaf unter Alkoholeinfluss an seinem eigenen Erbrochenen erstickt. Später erfährt man zwar, dass KO-Tropfen im Spiel waren, die dem Toten in Eiswürfelform in den Drink gegeben wurden - serviert von einem Kellner während einer großen Party, und zwar unmittelbar bevor er einem Familienmitglied heikle Dinge erzählen konnte. Da stellen sich mir nun allerlei praktische Fragen. Wenn ich einen nahen Freund meiner Familie umbringen wollte, der grundsätzlich zu viel Alkohol konsumiert und auf dem Familienanwesen wohnt, würde ich es dann riskieren, ihm den präparierten Drink auf einer großen Feier von einem Kellner servieren zu lassen? Woher nimmt man bei einer solchen Party im entscheidenden Moment die vergifteten Eiswürfel? Wie macht man das, ohne beobachtet zu werden? Wie stellt man sicher, dass der Drink nicht aus Versehen von einem anderen Gast getrunken wird? Woher wusste der Täter, dass der Tote ausgerechnet an diesem Abend sein Geheimnis ausplaudern wollte? Und das erst beim Apéro? Eine Tat im Affekt kommt ja nicht infrage, da dazu ja erst die Eiswürfel präpariert werden mussten. Und wie ist denn der "Mord" tatsächlich passiert? Die KO-Tropfen erklären nämlich erstmal nur den benebelten Zustand, nicht den weiteren Verlauf... Fragen über Fragen, auf die der Autor bequemerweise keine Antworten gibt. Ich bezweifle ja, dass er alle Antworten überhaupt hat, finde es aber in jedem Fall befremdlich, dass der Lektor diese Fragen nicht auch gestellt hat! Aber das Lektorat hat auch in anderen Fällen gepatzt, so ist Brunos Hund beispielsweise bei dessen Ausflug nach Bordeaux erst dabei, dann aber plötzlich weg.

Und dann ist da ja noch das unsägliche Ende. Statt Antworten bekommt der Leser im Abschlusskapitel eine Szene von unglaublicher Skurrilität. Actionszenen waren ja noch nie Walkers Stärke, aber diesmal hat er sich wirklich selber "übertroffen": er lässt den Bösewicht, der gerade den wehrlosen Bruno erschießen will, von einem außer Kontrolle geratenen Roboter-Stier zur Strecke bringen! Das ist mir definitiv zu absurd, ich verzichte auf weitere Eskapaden von Martin Walker und sage passend zum britischen Titel "The Dying Season": Adieu Bruno, auf Nimmerwiedersehen!

Fazit: langatmig und unglaubwürdig - für mich definitiv der letzte Bruno!

Kommentare:

  1. Liebe Julia, du sprichst mir aus dem Herzen: besonders das Ende fand ich richtig ärgerlich. Und nervig, dass die böse Schöne in jedem Kapitel noch schöner wird. Als würden Autor und Bruno von Seite zu Seite mehr ihre Zurechnungsfähigkeit verlieren. Die Schilderungen von Land und Leuten mag ich allerdings nicht missen. Das kann aber auch daran liegen, dass ich das Buch im Frankreich-Urlaub gelesen habe. Herzliche Grüße und danke für deine Besprechung! Uta

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    1. Liebe Uta,
      ich habe die Brunos bisher auch vor allem gelesen, weil ich das Périgord kenne und liebe. Aber bisher war auch das Drumherum ok, auch wenn die Reihe schon seit ein paar Jahren nachgelassen hat. Aber nun muss ich mich echt fragen, ob ich mir das weiterhin antun will, da ich mich derart (auch über die ach sooo bezaubernde Madeleine) geärgert habe. Irgendwie ist es da gemütlicher, stattdessen in einem Reiseführer zu blättern.
      LG, Julia

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  2. Huhu!
    Bin gerade über deinen Blog gestolpert. Ich bin (noch) ein großer Bruno-Fan, hab allerdings bisher nur 5 Bände gelesen, Band 6 & 7 stehen in meinem SuB.
    Aber das klingt ja wirklich ärgerlich, was du da erzählst. Da muss ich ja mal rasch weiterlesen, um mir selbst ein Bild machen zu können. Aber eins nervt mich schon jetzt ein bisschen - nämlich Brunos Hin und Her mit den Frauen.

    Liebe Grüße,
    Linda

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    1. Hi Linda,
      dann hoffe ich, dass dich Brunos weitere Eskapaden nicht auch so nerven wie mich, denn die Frauengeschichten gehen leider unvermindert weiter. Ich warte ja seit einigen Bänden darauf, dass er sich endlich in die bodenständige Florence verliebt, stattdessen gibt es jedes Mal ein Drama, weil es zwar immer schöne, aber (zu) eigenständige, karrierebewusste Frauen sind.
      LG, Julia

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  3. Manchmal muss man eben mal rauslassen, was man über Bücher denkt. Wenn mich ein Buch so richtig aufregt, muss ich auch darüber schreiben. Ich hoffe, du kannst jetzt wieder zu einem guten Buch greifen. :)

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