Google+ Julias Buchblog: Von spannenden Vorträgen, Langweilern und Sphärenmusik

Sonntag, 15. Mai 2016

Von spannenden Vorträgen, Langweilern und Sphärenmusik

Bettina von der ABS-Lese-Ecke will im Rahmen ihrer Blogparade wissen: Was haltet ihr von Autorenlesungen? Hmm, gar nicht so einfach, denn ich habe da schon so viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht, dass es schwer ist, zu einem abschließenden Urteil zu kommen.

Eigentlich mag ich Lesungen gerne, weil ich so oft Bücher kennenlerne, die ich sonst nie zur Hand genommen hätte. Da mir Fan-Schwärmereien fremd sind, ignoriere ich Lesungen bekannter Autoren fast immer. Ich mag mich nicht schon Wochen vorher um Tickets bemühen, mit hunderten anderen Menschen in einen Saal quetschen und zum Schluss noch stundenlang zum Signieren Schlange stehen. Aber gerade bei kleineren Veranstaltungsorten wie Literaturcafés oder lokale Bibliotheken trifft man ja nicht die Superstars der Szene, sondern meist unbekannte Autoren, von deren Büchern ich noch nie zuvor gehört habe. Das ist einerseits super, weil ich so nicht nur meinen Horizont erweitern kann, sondern auch in Bücher reinhören und einen vertieften Eindruck von Inhalt und Stil gewinnen kann, bevor ich mich für oder gegen einen Bücherkauf entscheide

Allerdings birgt die Tatsache, dass man auf kleineren Lesungen fast nur unbekannte Autoren trifft, auch ein gewisses Risiko. Ich habe schon sehr spannende Vorträge erlebt, bei denen das Publikum richtig in die Geschichte eintauchen konnte. Aber allzu oft habe ich auch das Gegenteil erfahren, denn längst nicht jeder, der schreiben kann, kann auch vernünftig vorlesen. Manchmal hatte ich wirklich den Eindruck, als würden die Autoren Lesungen nur abhalten, weil ihr Verlag drauf besteht, und als sei ihnen gleichgültig, wie diese Pflichtveranstaltungen beim Publikum ankommen. Die einen leiern ihren Text in eintönigstem Tonfall herunter, als seien sie überhaupt nicht daran interessiert, was drin steht. Andere rasen stakkatohaft durch die Seiten, weil sie nervös sind und das Ganze möglichst schnell hinter sich haben wollen. Die schlimmste Lesung, die ich erlebt habe, war allerdings ein Versuch, die dröge Sprechweise des Autors durch Live-Musik zu beleben. Dummerweise passten die ausgewählten Stücke so gar nicht zum Inhalt. Die Geschichte war ein Krimi, und kaum hatte man sich trotz der uninspirierten Vortragsweise halbwegs in die Geschichte reinfinden können, kam wieder eine Pause mit esoterisch angehauchter Sphärenmusik, die jegliche Spannung sofort wieder zunichte machte. In der Pause bin ich geflüchtet, zusammen mit einem großen Teil des Publikums...

Fazit: Autorenlesungen können eine tolle Gelegenheit sein, neue Bücher und ihre Schöpfer kennenzulernen. Allerdings wäre es hilfreich, wenn die Autoren die Grenzen ihrer Fähigkeiten realistisch einschätzen würden, denn nicht jeder, der schreiben kann, kann auch mitreißend lesen. In diesem Fall sollte man sich entweder einen Sprecher suchen, oder sich mal vertieft mit der Materie befassen, denn auch Vortragen kann man lernen.

Kommentare:

  1. Hallo Julia,
    schön, dass du dich an meiner Blogparade beteiligt hast. Deine Erlebnisse decken sich so ziemlich mit meinen Erfahrungen. Autoren, für die Lesungen nur lästige Pflichtveranstaltungen sind, sollten es besser lassen. Die Werbewirkung dürfte bestenfalls Null sein, im schlimmsten Fall negativ.
    Wünsche dir ein schönes Wochenende
    Ann-Bettina

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  2. Liebe Julia,
    als frisch gebackene Autorin kann ich auch etwas dazu beitragen. Drei Lesungen hatte ich bisher: die Erste war kuschelig, weil nur Freundinnen da waren, nach der Zweiten brauchte ich ein Glas Bordeaux und einen lustigen Film, um die müden Gesichter vor mir wieder zu vergessen, bei der Dritten in meiner Heimatstadt kamen meine Eltern, Tante Hildegard, Großcousine Anne-Kathrin, eine Freundin von ihr und meine älteste Freundin Waltraud. Wir saßen mitten in einer Buchhandlung, während andere einkauften. Sehr strange. Ich bin nicht die große Entertainerin, aber lesen kann ich ganz gut. Für eine Newcomerin finde ich Lesungen trotzdem anstrengend, vor allem wenn die veranstaltende Buchhandlung nicht voll dahinter steht und wirklich Werbung macht. Liebe Grüße, Uta

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    1. Ja, Lesungen mit nur drei-vier Zuhörern habe ich auch schon erlebt. Speziell doof, wenn der/die Lesende nicht in der Nähe wohnt, sondern extra anreisen musste. In der Regel liegt das aber am Veranstalter, da sind viele nur halbherzig dabei und schustern irgendwie ein Programm zusammen, damit sie sich als Kulturcafé oder ähnlich bezeichnen können. Der Verlag sollte da aber eigentlich eine Liste mit guten und eine mit weniger empfehlenswerten Lese-Orten haben, das Problem ist ja nicht neu.

      LG, Julia

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