Google+ Julias Buchblog: Josef Kraus - Helikopter-Eltern

Sonntag, 5. Juli 2015

Josef Kraus - Helikopter-Eltern

Helikopter-Eltern: Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung
Josef Kraus
ISBN 9783498034092


Sie meinen es doch nur gut: Eltern, die ihre Sprösslinge schon im Babyalter von einem Kurs zum nächsten schleppen, damit sie möglichst umfassend gefördert werden und so später fit für den Konkurrenzkampf sind. Eltern, die ihren Kindern jeden Wunsch erfüllen, auch wenn das Kinderzimmer schon überquillt. Eltern, die sich bei jedem Problemchen mit Zähnen und Klauen (und Anwalt) für ihr Kind einsetzen und ihnen alle Hindernisse aus dem Weg räumen, egal ob Streit im Sandkasten oder beim Kampf um einen guten Studienplatz. Diese Eltern kreisen wie Helikopter über ihrem Nachwuchs, um alle Schwierigkeiten so früh als möglich zu erkennen. Sie wollen nur das Beste, aber Termindruck und Verwöhnung endet viel zu oft in Unselbständigkeit und Unzufriedenheit, statt zu glücklichen lebenstauglichen Menschen zu führen...

Das Buch bietet eine riesige Ansammlung an Anekdoten, die unterhaltsam bis skurril sind und die Thesen des Autors verdeutlichen. Allerdings kommt zu dieser anschaulichen Problembeschreibung wenig hinzu, was über die Behauptung hinausgeht, dass früher alles besser war. Eine genauere Analyse der Ursachen fehlt weitgehend, da bleibt es bei Schlagworten wie Machbarkeitswahn, Reformpädagogik oder elterlichem Narzissmus als Wurzel des Übels. Auch sonst fehlt mir der Aktualitätsbezug. Die wenigsten Eltern können ihr Kind in einem bayrischen Dorf mit intakten Sozialstrukturen großziehen, das Schulsystem ist an den meisten Orten auch nicht mehr das, was der Autor preist (was er als Präsident des Deutschen Lehrerverbands auch weiß), und dass sich der (eigenständige) Mobilitätsradius von Kindern in den letzten hundert Jahren deutlich verringert hat, dürfte wohl deutlich stärker an der Verstädterung liegen als an der Ängstlichkeit der Eltern. Insofern macht es sich Josef Kraus sehr einfach, wenn er überbehütende Eltern, Verfasser von Erziehungsratgeber und Bildungspolitiker pauschal an den Pranger stellt und mehr Disziplin, mehr Leistung und weniger Einmischung der Eltern in den Schulbetrieb fordert. Zusammen mit dem unnötig polemischen Tonfall – durch nahezu jede Zeile spürt man den Frust des Autors, der sich in 40 Jahren als Lehrer angesammelt haben muss – sorgte das dafür, dass ich bei der Lektüre irgendwann nur den Kopf schütteln konnte über die antiquierte Geisteshaltung, die da erkennbar wurde. Aber wer Babyschwimmen mit Chinesischkursen für Kleinkinder in einen Topf wirft, es als Zeichen von Überbehütung sieht, wenn sich ein Vater über Knochenbrüche im Sportunterricht aufregt, und Frontalunterricht und Auswendiglernen als didaktisches Idealkonzept preist, den kann ich als Pädagogen nicht mehr ernst nehmen. Schade, denn das Phänomen der Helikopter-Eltern und seine Folgen für die Kinder hätte eine differenziertere Betrachtung verdient.

Fazit: Eigentlich ein spannendes Thema, aber letztlich bietet das Buch wenig mehr als einen reißerischen Titel und eine Abrechnung eines konservativen Schuldirektors mit den Problemen des heutigen Lehrer-Alltags.

Kommentare:

  1. Ja, das Thema ist durchaus spannend und auch durchaus relevant, weil ich das Gefühl habe, dass so Hardcore-Helis dann auch sehr stark den Wettbewerb suchen. Das merkt man übrigens auch in meinem Umfeld, wenn Eltern über (längst erwachsene) Kinder (in ihren Mitt-Zwanzigern oder teilweise schon Dreißigern) reden. "Oh, ihre Tochter spricht mit 24 nur vier Sprachen? Das ist gar nichts, mein Sohn ist Linguistikprofessor und spricht schon 6 Sprachen! Und er ist auch erst 38 Jahre alt!"
    Solches Elternverhalten stresst, auch wenn man (egal ob als Elternteil oder als Kind, dessen Leistung soeben herabgewürdigt wurde ;-) ) eigentlich drüberstehen sollte. Kann man als Mensch aber nicht. Wem gefällt es schon, sich dann rechtfertigen zu müssen/dürfen, wieso man selbst/das Kind nicht auch soooo toll ist wie das andere? Grrrr...

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    1. Klar, wenn man vor lauter Baby-Kursen, Lehrer-Gesprächen und Karriereplanung des Sprösslings selbst keine Zeit mehr hat für ein eigenes Leben, definiert man sich entsprechend über den Erfolg des Nachwuchses und muss den natürlich permanent ins rechte Licht rücken. Da ist es dann egal, ob das Kind schon mit 9 Monaten laufen konnte oder eben als Erwachsener 6 Sprachen spricht, hauptsache vorzeigbar...

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  2. Hm, dann bleibe ich dem Buch doch lieber fern. Vor kurzem habe ich eine Doku über Helikopter-Eltern gesehen, das war ganz interessant, da das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurde. Schade dass es hier scheinbar eher darum geht, den Frust loszuwerden.

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